39 Jahre Studentenleben

Shownotes

Fast vier Jahrzehnte war Guido Groß Hochschulseelsorger an der Katholischen Hochschulgemeinde Koblenz. Selbstbewusst sagt er im Gespräch mit Julia Fröder: „Wir bereichern das Leben der Studierenden mit unseren Angeboten.“ Dazu gehören Filmabende genau so wie Gottesdienste und Diskussionen zu politischen Themen. Aber auch Beratung und Gespräche in Krisensituationen, und das unabhängig von Religion und Herkunft der Studierenden. Denn der Druck auf die Studis ist gewachsen seit dem Bologna-Prozess vor zwanzig Jahren.


Links zur Folge:

Porträt der Bischöflichen Pressestelle über Guido Groß.

Die Katholische Hochschulgemeinde Koblenz.

Übersicht über die Hochschulgemeinden im Bistum Trier.


Das Archiv mit allen Folgen von "himmelwärts und erdverbunden" gibt's hier.


Feedback gerne auch unter podcast@bistum-trier.de.

Transkript anzeigen

Frauenstimme: Himmelwärts und erdverbunden, der Podcast aus dem Bistum Trier.

Julia Fröder: Ich bin Julia Fröder, Redakteurin der Bischöflichen Pressestelle in Koblenz. Fast vier Jahrzehnte hat Guido Groß als Hochschulseelsorger in Koblenz gearbeitet und kann dadurch einen guten Überblick auf das studentische Leben geben. Doch nicht nur das Studentenleben hat sich verändert, besonders durch die Umstellung von Diplom -zu den Bachelor- und Masterabschlüssen; sondern auch die Katholische Hochschulgemeinde – kurz KHG – hat sich gewandelt. Und wird sich weiterentwickeln, denn nachdem Guido nun in den Ruhestand gegangen ist, hat sein Nachfolger Dr. Oliver Wolff das Ruder in die Hand genommen. Guido, warum ist eine Hochschulgemeinde wichtig?

Guido Groß: Also ich denke, es ist wichtig für die einzelnen Studierenden, weil wir Angebote haben, wo Studierende zusammenkommen können bei Veranstaltungen, weil wir das Leben der Studierenden bereichern mit unseren Angeboten. Wir stehen auch zur Beratung zur Verfügung. Also wir führen auch Gespräche, wenn Krisensituationen da sind, mit den Eltern. Schuldgefühle, Konflikte mit Freunden oder so. Dann sind wir aber auch eine Einrichtung, die vielleicht auch ein bisschen außerhalb des Hörsaals Angebote macht. Also dass man auch das Freizeitleben bereichert, dass eben das Studium nicht nur Vorlesungen und Lernen, Pauken bedeutet, sondern dass man auch zu einem Filmabend kommt.

Julia Fröder: Wer nimmt denn eure Angebote an – eine Übersicht über die Aktivtäten der Koblenzer KHG, aber auch weitere Infos über die Hochschulgemeinden in Trier und Saarbrücken gibt es in den Shownotes. Wer kommt zu Gottesdiensten, Tags- und Wochenendausflügen oder gesellschaftspolitischen Vorträgen und Stadtrundgängen? Also ich würde jetzt mal klischeehaft davon ausgehen, dass es sich größtenteils um Theologiestudentinnen und -studenten handelt?

Guido Groß: Das Klischee, da ist was dran. Wir sind natürlich auch sehr für die katholischen Studierenden da, also das ist ein Angebot, was wir für sie machen, Gottesdienst, spirituelle Angebote, aber es sind auch Studierende, die was machen wollen, die was politisch machen wollen, die zu uns kommen, mit denen wir zusammen was machen. Zum Beispiel haben wir jetzt dieses Jahr Diskussionen zur Europawahl, wo wir also Politiker eingeladen haben, und das haben wir mit Studierenden gemacht, die Interesse hatten, einfach bei diesem Thema was zu machen. Es gibt immer wieder Schnittmengen: Das können politische Themen sein, das können Hochschulthemen sein, wo wir also dann auch gemeinsam mit diesen Studierenden was machen.

Julia Fröder: Die Hochschulgemeinden, ob jetzt katholisch oder evangelisch, erreichen also junge Menschen über eine Zugehörigkeit zum über das Christentum hinaus. So hatte die Hochschulgemeinde nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo ad hoc eine Austauschmöglichkeit organisiert. Guido, wie lief das genau ab?

Guido Groß: Damals, nach diesem Anschlag, das hat ja viele Menschen beschäftigt, haben wir gesagt: Wir laden einfach mal zu einem Gespräch ein. Das haben wir an der Uni gemacht, damit die Menschen, also die Studierenden, dann auch ganz schnell dahin kommen können. Und das war ganz interessant. Es kamen etwa 25 Studierende und von diesen 25 waren 24 muslimisch. Eine war nicht muslimisch. Und man hat bei diesen muslimischen Studierenden gemerkt, wie sehr sie betroffen waren von dem Ereignis und auch, dass sie das Gefühl hatten, dass sie jetzt verantwortlich gemacht werden, dass da eben ein muslimischer Attentäter unschuldige Menschen getötet hat und diese eine deutsche christliche Studentin war natürlich ein bisschen auch dann die Einzige, die Ansprechpartnerin war. Aber man hat gemerkt, wenn man die Möglichkeit hat, sowas einfach als Angebot zu machen, und wir können so ein Forum bieten, wo auch verschiedene Meinungen zur Sprache kommen können. Das hat mich an der Arbeit auch immer sehr gereizt, dass man verschiedene Positionen einbringen kann, aber in der Form, dass man sich nicht gegenseitig verurteilt oder beschimpft oder beleidigt, sondern dass man sagt, hier, ich denke so drüber nach. Also dieser Austausch, der war einfach immer wieder ganz toll.

Julia Fröder: Gerade dieser vorurteilsfreie Austausch ist jetzt wieder dringend nötig, finde ich. Daher ist es gut, dass mit der KHG weitergeht, obwohl du jetzt im Ruhestand bist. 39 Jahre, seit deinem 27. Lebensjahr, hast du in der KHG gearbeitet. Da hat sich vermutlich einiges verändert?

Guido Groß: In 39 Jahren verändert sich natürlich sehr viel und das war bei den Studierenden auch der Fall, wobei es dabei einen ganz besonderen Einschnitt, das war so in der Zeit zwischen 2000 und 2010, da wurden die sogenannten modularisierten Studiengänge eingeführt. Das hatte zu tun mit dem sogenannten Bologna-Prozess, wo man gesagt hat, wir müssen die Hochschulen wettbewerbsfähig, wir müssen sie vergleichbar machen. Damals wurden die Studiengänge modularisiert und man musste diese Module auch alle abprüfen. Und das hat dazu geführt, dass da eine ganz straffe Studienstruktur entstanden ist, die den Studierenden wenig Freiräume gelassen hat, aber ihnen auch zugleich sehr viel Prüfungsdruck beschert hat. Heißt, sie müssen jedes Semester Prüfungen machen, und das war früher eben nicht so. Wenn ich an mein eigenes Studium zurückdenke, da war es so, dass man eben Zwischenprüfungen hatte, eine große Abschlussprüfung. Dazwischen gab es viele Freiräume, wo man eben keine Prüfung hatte, und da konnte man dann eben auch mal eine andere Vorlesung hören, die mit dem eigenen Studium wenig zu tun hatte. Das kommt kaum noch vor. Das merke ich, das belastet auch die Studierenden. Also sie sagen, dass sie eben in einem ständigen Prüfungsmodus sind, dass sie viel lieber mehr auswählen würden, und das ist eine Verschulung des Studiums, die für mich somit eine der entscheidendsten Veränderungen bei den Studierenden ist.

Julia Fröder: Ich bin 2009 selbst in diese Umbruchsphase zwischen Diplom- und Magister- zum Bachelor- und Masterabschluss gekommen: Mein Studiengang war zwar schon auf den Bachelorabschluss ausgerichtet, aber einige Profs waren davon selbst nicht begeistert jetzt ständig Anwesenheitslisten zu führen oder jede Vorlesungsreihe mit einer Prüfung abzuschließen. Welche Veränderungen im Studentenleben hast du noch erlebt?

Guido Groß: Die sozialen Medien wie Facebook, Instagram, das sind natürlich auch Dinge, die das Studierendenverhalten sehr verändert haben, weil die Studierenden heute mit einer Fülle von Angeboten und Informationen geflutet werden. Also ich habe das mal gelesen und das würde ich auch bestätigen, dass Studierende kaum noch selbst Informationen suchen, weil sie so mit Informationen zugeschüttet werden, jeden Tag, dass das eher das Problem ist, wie find ich mich in diesem Wust zurecht? Und dadurch natürlich auch die Entscheidung, etwas zu machen oder nicht zu machen, oft sehr kurzfristig ist. Das hat sich massiv geändert. Früher haben Studierende sich, Termine eingetragen, sind dann auch gekommen. Heute kann man damit überhaupt nicht mehr rechnen. Das hat die Arbeit ein bisschen schwierig gemacht, dass ist auch oft frustrierend. Man hat also mit Studierenden etwas abgesprochen, man hat etwas gemeinsam geplant, und wenn es dann so weit war, dann gab es irgendeinen Post und da gab es etwas Wichtigeres und dann waren sie nicht da. Da muss man einfach auch ein bisschen Frustrationstoleranz haben und darf das nicht persönlich nehmen und muss es immer wieder neu versuchen, das ist eine Entwicklung, die eben heute so ist. Da kann man auch wenig machen.

Julia Fröder: Guido, bei diesen psychischen Herausforderungen kann die Hochschulgemeinde da den Studierenden helfen?

Guido Groß: Also ich denke mal so die Art der Arbeit, die wir machen, ist auf jeden Fall etwas, was den Studierenden hilft. Wir haben ja Veranstaltungen, wo es um Begegnung geht. Das heißt, egal ob wir jetzt einen Gesprächsabend machen, ob wir einen Gottesdienst anbieten, ob wir eine Exkursion machen, einen Film zeigen, wir bringen Studierende zusammen. Wir bieten damit die Möglichkeit, dass sie sich untereinander austauschen können, gemeinsam reden können über das, was sie bewegt. Und das zeigen auch Studien, dass dort, wo Studierende soziale Kontakte haben, die Belastung nicht zu hoch ist. Also je mehr die Studierenden auf sich alleine gestellt sind, umso schwieriger ist diese Situation, umso mehr ist dieser Stress, diese Erschöpfung und je mehr sie miteinander in Kontakt sind und umso besser geht es ihnen. Und wir bieten halt solche Begegnungsräume. Von daher haben wir auf jeden Fall da auch ein Angebot.

Julia Fröder: Neben Begegnungsräumen bietet ihr auch offene Ohren an.

Guido Groß: Das war ein Aspekt, der mich auch mit zunehmender Zeit auch persönlich sehr erfüllt hat, also auch Studierenden Mut zu machen, zum Beispiel: Viele tun sich schwer, so ihren eigenen Weg zu gehen, sie stehen unter Anpassungsdruck, sie wollen alles richtig machen, richten sich nach anderen und ihnen dann zu sagen, hier geht euren Weg, macht das, was ihr für richtig haltet, auch wenn es vielleicht nicht so gut läuft, aber guckt, dass ihr euer Ding macht. Das war eine Sache, die mir dann auch sehr viel Spaß gemacht hat.

Julia Fröder: Wie blickst du auf 39 Jahre Hochschulseelsorge zurück? Du hast immerhin mit erst 27 Jahren angefangen, als du selbst eigentlich noch im studentischen Alter warst.

Guido Groß: [War also eine sehr schöne Zeit, also sowohl Inhalte zu gestalten, also zu diskutieren und gleichzeitig aber auch immer mit den Menschen zu tun zu haben. Und manchmal erst die Menschen kennenzulernen und dann zu sagen, 'Komm doch mal zu einer Veranstaltung' oder umgekehrt jemanden bei einer Veranstaltung kennenzulernen und dann zu ihm eine Beziehung aufzubauen. Und das hat mir sehr großen Spaß gemacht und es war vor allem auch immer neu. Also es hat sich ja nie wiederholt. Es waren immer neue Studierende. Es waren neue Themen. Gerade was Studierende halt interessiert hat. Wir haben wenig Veranstaltungen gemacht, wo wir gesagt haben, das halten wir für. Das gab es natürlich auch, aber in der Regel haben wir immer versucht, jemanden zu finden, der mit uns gemeinsam die Veranstaltung macht, wo wir vorher gesagt haben, habt ihr eine Idee für einen Film? Dann haben wir das gemacht und das war eigentlich recht erfolgreich.

Julia Fröder: Lieber Guido, jetzt zum Abschluss unseres Gesprächs: Was wünschst du den Studierenden? Was willst du ihnen mit auf den Weg geben?

Guido Groß: Mein größter Wunsch an Studierende wäre, dass sie sich dem Druck entziehen können, also dass sie den Druck, der natürlich auch da ist, gute Noten zu haben, dass sie den nicht zu ihrem eigenen Druck machen, sondern dass sie sagen können, der Druck ist da, aber ich versuche, das nicht zu sehr an mich heranzulassen. Das wäre so der eine Wunsch und der andere Wunsch, dass sie im Laufe des Studiums auf so viel Dinge noch außerhalb des Studiums machen, dass sie für sich entdecken, was für sie wichtig ist. Weil, das ist eine Gefahr, dass man dann nur das macht, was man machen muss und nicht mehr weiß, wer bin ich und was ist für mich wichtig. Also, dass sie da etwas finden. Das wäre auch ein großer Wunsch an Studierende.

Frauenstimme: Himmelwärts und erdverbunden. Überall, wo es Podcasts gibt.

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